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40 Jahre Tschernobyl ... - in Berlin

  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 21 Stunden

Bettina Kerwiens neuer Krimi "Katzenkopp" spielt genau in den Tagen, in denen es zum Reaktorunglück in Tschernobyl kam. Während Kommissar Kappe in einem Serienmordfall ermittelt, dringen Stück für Stück Nachrichten von der Atomkatastrophe in der Sowjetunion an die Öffentlichkeit. Der 39. Band der Kappe-Reihe lässt die damalige Stimmung in der Stadt wieder lebendig werden. Wir haben mit der Autorin darüber gesprochen:

 

Liebe Bettina, der 39. Band der Kappe-Reihe führte ja zwangsläufig ins Jahr 1986. Was hat dich dazu bewogen, deinen Kriminalroman gerade im April 1986 anzusiedeln (und nicht z.B. im Herbst)?

 

Zur Vorbereitung auf einen neuen Kappe-Krimi schaue ich mir immer zuerst die Dokumentation des rbb Schicksalsjahre einer Stadt an. Also im konkreten Fall die Sendung über das Jahr 1986. Dort sieht man, was in den Sendungen des Fernsehens der DDR und des Senders Freies Berlin im Jahr 1986 eine Rolle gespielt hat.

Mein Schwerpunkt mit Kappe muss natürlich auf West-Berlin liegen, weil er da ermittelt. Die geteilte Stadt Berlin ist aber immer beides: Weltstadt und Kiez, Weltpolitik und Alltag. Ich versuche immer, kleine und große Geschichte(n) zu verweben.

Weil es ein grenzübergreifendes Ereignis war, das Menschen in Ost und West gleichermaßen betraf, habe ich mich für den Tschernobyl-Super-GAU als zentrales Hintergrund-Ereignis des Krimis entschieden. Ich konnte einen schönen großen Spannungsbogen aus der dramatischen Frage konstruieren: „Was ist da passiert?“. Denn das kam damals nur schrittweise über einen Zeitraum von etwa 14 Tage über die Schweden ans Licht. Die Sowjetunion stritt einen Unfall zunächst ab. In „Salami-Taktik“ wurde dann scheibchenweise der wirkliche Umfang des GAU eingeräumt.

Und der Clou im Buch ist, dass Kommissar Kappe vor allen anderen Menschen wusste, was mit Reaktor 4 geschah ;-) Daraus ergab sich, dass auch der Kriminalfall um den Zeitraum des Nuklearunglücks herum spielen musste. Es geschah am 26. April 1986.

 

Welche persönlichen Erinnerungen hast du an die Zeit von Tschernobyl?

 

Da war ich in der Endphase meiner Schulzeit, kurz vor dem Abitur. Ich erinnere mich vor allem an diese diffuse Angst – man wusste nichts. Es wurde dann klar, dass eine radioaktive „Wolke“ zu uns unterwegs war und man auf gar keinen Fall in den Regen kommen dürfe. In Berlin war das Wetter lange gut. Als es am 7. Mai 1986 gegen Mittag zu regnen begann, saß ich im 14er Bus von Tegel nach Heiligensee. Ich überlegte die ganze Zeit, ob ich einfach im Bus sitzen bleiben sollte. Aber als fatalistische West-Berlinerin bin ich dann natürlich doch an meiner Haltestelle ausgestiegen. Rein in den Fallout.

 

Wie hast du die besondere Stimmung und Verunsicherung nach dem Reaktorunfall recherchiert und in deinen Roman übertragen?

 

Einerseits habe ich die Stimmung erlebt. Andererseits lässt sich das gut in Medienarchiven recherchieren – zum Beispiel im Spiegel-Archiv. Weil eben alles kontrovers diskutiert wurde. Die einen sagten: „Siehst du hier irgendwo Strahlung?“, die anderen sprachen von tausendfach erhöhten Grenzwerten.

Bei Ereignissen von der Tragweite von Tschernobyl kann man stimmungsmässig darauf bauen, dass viele Leser sich noch an ihre damaligen persönlichen Erlebnisse erinnern. Es reicht, wenn man als Autorin die Erinnerungen nochmal anstößt – zum Beispiel, dass im Westen nur noch Dosengerichte gegessen werden sollten. Während im Osten plötzlich die Gemüseregale voll waren, wo es sonst nur Zwiebeln und Kartoffeln gegeben hatte.

 

Welche Rolle spielt Tschernobyl in deiner Geschichte – eher Hintergrund oder treibende Kraft?

 

Einen „normalen“ Krimi konstruierst Du aus drei Handlungssträngen: die Tat, die Aufklärung und das Privatleben des Ermittlers. Bei den Kappe-Krimis erzählen wir immer die Geschichte der Stadt Berlin mit. Es gibt also einen vierten Handlungsstrang. Und das ist diesem Fall der Tschernobyl-GAU. Der vierte Handlungsstrang dienst zur Verankerung der fiktiven Krimihandlung in der historischen „Realität“. Es ist also Hintergrund, aber die Stimmung von Verunsicherung durchdringt ja alles in diesem Krimi. Es ist wie das Flechten eines Zopfes mit vier Haarsträhnen. Alle Strähnen müssen in etwa gleich lang und gleich dick sein, sonst wird es kein guter Zopf.

 

Wie beeinflusst die allgemeine Angst und Unsicherheit deine Figuren und deren Entscheidungen?

 

Die Verunsicherung war ja wirklich groß. Man fragte sich: Wird die Welt untergehen? Hat der Alltag überhaupt noch Sinn?

Besonders groß ist der Einfluss dieser Stimmung auf unseren Täter, dem alles entgleitet und der deshalb Schluss machen will – aber nicht alleine. Zur Debatte steht im Buch auch die Frage, ob jemand, dessen Kindheit durch anhaltende Unsicherheit, Armutsgefährdung, geringe soziale Absicherung und eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten gekennzeichnet ist, überhaupt „schuldfähig“ oder letztendlich selbst ein Opfer der Umstände ist.

Auch Kommissar Kappe hat privat mit vielen Veränderungen zu kämpfen: Freundin Rosi möchte sich als Musikerin verwirklichen, sein Vater erkrankt usw. Besonders das Auftauchen des verstrahlten Fotografen aus Kiew lenkt ihn von den Mordermittlungen ab.

Um den Leser nicht mit diesem Gefühl der Verunsicherung zu entlassen, gibt es übrigens am Ende jedes meiner Kappe-Krimis eine „Lagerfeuer-Szene“ – hier wird klar, dass man sich allem Bösen stellen kann, dass man sein Ziel erreichen kann (Täter wird gefunden, Ordnung wieder etabliert). Wenn nur die Gefährten zusammenhalten.


Autorin Bettina Kerwien recherchierte für Ihren Krimi "Katzenkopp" im Kernkraftwerk Greifswald.
Bettina Kerwien bei Recherchen im stillgelegten Kernkraftwerk Greifswald (Foto: Claudia Johanna Bauer)

 

Was macht das geteilte Berlin von 1986 für dich als Schauplatz besonders reizvoll?

 

Besonders ist es diese dauerhafte Spannung zwischen Zukunftsangst und Vergnügungssucht. Berlin ist gleichzeitig trotzig, billig, trashig, kreativ. Die Ordnung ist ständig bedroht.

Obwohl die Ost-West-Teilung zementiert zu sein scheint, hoffen alle auf Glasnost und Perestroika – also auf eine Veränderung zum Besseren. Das ist das Versprechen der Stadt: Hoffnung. Freiheit. Toleranz. Auf persönlicher und auf gesellschaftlicher Ebene sehr spannend und sehr konfliktträchtig. Denn die Freiheit des einen geht oft auf Kosten der Freiheit des anderen. Und eine Krimiautorin ist ja immer auf der Suche nach dem Moment oder Ort des größten Konflikts – also ist Berlin in den 80zigern eine natürliche Wahl.

 

Was kann ein Kriminalroman über diese Zeit erzählen, was ein Sachbuch nicht leisten kann?

 

Der Kriminalroman richtet sich an ein ganz anderes Publikum. Scheinbar steht bei diesem Format die Unterhaltung, die „Wer hat’s getan?“-Spannung, also das Rätsel, im Vordergrund. Der Plot ist hochgradig konstruiert. Die Spannung hält die Leser so bei der Stange, dass ich die Möglichkeit habe, auch noch einen kleinen „Bildungsauftrag“ zu erfüllen und ihnen historische Fakten zu vermitteln.

Das Wichtigste ist aber: Der Krimi kann ein themenbezogenes wiederkehrendes Muster (auch bekannt als „Book Trope“) bedienen, das ein Sachbuch nicht bedienen kann, nämlich „Gut gegen Böse“. Das weckt im Leser schon durch das Genre bestimmte Leseerwartungen. Man wünscht sich vielleicht, dass die Guten gewinnen. Dass der Mord aufgeklärt und der/die Täter*in bestraft wird. Über die Zeit erzählt das, dass ein Sieg des Guten 1986 möglich war. In puncto faktischer Hintergrundgeschichte steht außerdem das Versprechen der Wiedervereinigung als „Happy End“ der 80ziger Jahre über allem im Raume.

Trotzdem eine sehr schwierige Frage. Ich bin ja eine passionierte Sachbuchleserin. Ein Sachbuch kann Vieles erzählen, selbst Emotionen entfachen, aber anders als der Krimi ist es eben der Wahrheit verpflichtet. Für das Nachlesen der Fakten zum Tschernobyl-GAU empfehle ich Mitternacht in Tschernobyl von Adam Higginbotham. Er hat für das Buch 10 Jahre recherchiert und über hundert Stunden Interviews geführt mit Männern und Frauen, die die Katastrophe hautnah miterlebt haben. Toll.


Vielen Dank für deine Auskünfte!


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